Fremde küsst man einfach

1-IMG_5963„Hab keine Angst, wenn ich Dich berühre. Wir Brasilianer machen das immer so, weißt Du?“
Ja, eigentlich weiß ich das. Warum erzählt sie das gerade mir, fragte ich mich. Sehe ich so offensichtlich aus wie eine „verklemmte“ Deutsche? Als Halbitalienerin bin ich doch eigentlich diese Art von Körpersprache und -nähe gewöhnt. Und ich selbst war doch auch mal so. Wenn ich mich mit jemand unterhielt, gestikulierte ich dabei normalerweise viel, und berührte die Arme und Hände der Personen. Als ich aber von meinen Mitschülern in einer deutschen Kleinstadt deswegen beurteilt wurde, hörte ich damit auf. Die Blicke, die sie mir gaben, wenn ich sie „anfasste“, wollte ich mir weiter ersparen. Das hat mich wahrscheinlich zu einem SEHR deutschen Menschen gemacht. Um sie nicht zu „verschrecken“ und ihr Wohlbefinden nicht zu gefährden, behielt ich fortan meine Körpersprache doch ziemlich kontrolliert. Sollte ich den einen oder anderen also ausnahmsweise mal in den Arm nehmen, dann hat das bei mir wirklich viel zu bedeuten: Ich mag sie/ihn!

Jetzt sind wir bei einem Thema angelangt, wo man leicht sagen kann “die einen sind so, und die anderen so”. Eigentlich mag ich es gar nicht, das Verhalten von Menschen anderer Kulturen zu pauschalisieren. überall gibt es solche und solche. Und doch kommt man immer wieder darauf zu sprechen.
Weil mir vor fast 2 Jahren damals in Brasilien bewusst geworden war, wie “lost in translation” ich war, ist mir wichtig, für Toleranz und Offenheit zu sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, habe ich damals in einem Blogeintrag mein körperlich-kommunikatives Verhalten für Brasilianer und andere körper-kontaktfreudige Menschen “übersetzt”.

  • Wenn ich Dich umarme: kenne ich Dich wahrscheinlich schon länger und ich mag Dich höchstwahrscheinlich sehr.
  • Wenn ich Dich nicht umarme: brauche ich Zeit, um Dich besser kennen zu lernen und Dir zu vertrauen. Oder ich mag Dich sogar SEHR gern und bin ich einfach nur schüchtern.

Im Hier und Jetzt erweitere ich diesen Artikel, um auch uns Europäer über das “andere” Empfinden von Nähe der Brasilianer zu informieren.

Einige Europäer, besonders diejenigen, die keine „Mischlinge“ sind wie einige meiner Freunde und ich, verstehen die verschiedenen kulturellen Kommunikationsarten meist nicht richtig, wenn sie versuchen, ihre Interpretation von ihren eigenen Normen abzuleiten. Auf diese Weise kommt man schnell zu falschen Wertungen.
Brasilianer sind sehr liebevolle und liebenswürdige Menschen. Aber wie in jedem anderen Land unterscheiden sie sich kulturell von anderen z.B. durch ihren Umgang mit Zuneigung und Liebe. Deshalb hier ein kurzer „Guide“ zur brasilianischen Körpersprache:

  • Unbekannte Menschen küssen / Hallo und Tschüß:
    Das ist so wie bei uns jemandem die Hand zu geben, wenn man sich ihm vorstellt, oder ihm einfach nur „Hi (freut mich, Dich kennenzulernen)“ sagt.
    In dieser Situation haben Brasilianer überhaupt keine Berührungsängste. Egal ob sie dich kennen oder nicht, sie dringen in deinen unsichtbaren privaten Raum ein und küssen Dich – links und rechts. Erst dann stellen sie sich Dir vor, wenn überhaupt. 
Gleiches Prozedere gilt auch bei der Verabschiedung. Auch wenn Du diese Person, die sich gerade von Deinem Gesprächspartner verabschiedet, kein einziges Mal gesehen hast, wirst Du von ihr links und rechts geküsst. Grund ist einfach, dass Du mit seinem Bekannten dort stehst. Und das reicht fürs Busserln schon völlig aus.
  • Unbekannte Menschen küssen / beim Karneval:

    Zwar war es kein Karneval, aber fast: die Fußball-WM 2014.
    Laut brasilianischer Freunde war während der WM auf den Straßen viel mehr los als sie es vom Karneval gewöhnt sind. Selbst die illegalen Straßenverkäufer, die an jeder Ecke Alkohol und Snacks für wenig Geld verkaufen wollen, kamen kaum an ihr Straßeneckchen ran. Dafür gab es eben Drinks mitten drin, „on the go“. Und nicht nur dort, wo sich gerade jemand eine Dose Bier kaufte, wird man als Frau von Männern einfach darum „gebeten“ geküsst zu werden. Der Satz „Um beijo por favor!“ wird zur Hymne der Straßenparty.
 Als Deutsche, die das auf diese offensichtliche, vor allem so schnelle, Art und Weise nicht gewöhnt ist, habe ich jeden Typen anfangs komplett abgewimmelt. Das wurde schnell nicht nur von den Männern, sondern auch von den brasilianischen Frauen, als verklemmt bewertet. Verständnis dafür, dass man erst einmal mindestens 1-2 Sätze mit dem potenziellen Küsser austauschen möchte, konnte man da nicht erwarten.
    Nach genauer Beobachtung funktioniert das so: Es wird kurz gesagt, wie man heißt und dann geht’s ab. Auf Französisch. Anderes lassen sie nicht gelten. Vorher lassen sie dich nicht gehen. Nach 2 Minuten Knutschen darf man dann weiter gehen. Schließlich kommt dann doch die nächste dran. Und DER nächste. Von 5 Typen will vielleicht einer Deine Telefonnummer.
    Ist also alles nur Spaß. Nichts hat eine Bedeutung.
 Seid aber dabei bloß keine Spielverderber. Denn das bedeutet ja dann doch was…
  • Zuneigung zeigen / körperlich und digital (Whatsapp und social media):
    Während Deutsche sowohl in körperlicher Nähe mit bekannten Personen (Familie und Freunde) als auch in der digitalen Kommunikation mit Zuneigungs-Bekundungen sparsam oder eher subtil sind, sind die Brasilianer genau das Gegenteil. Sparen ist ein Fremdwort, Großzügigkeit ist selbstverständlich.
 Sie machen Komplimente für alles, was Du sagst und tust. Sie schicken in ihren Nachrichten eine Menge Liebe durch eine hohe Anzahl von Emojis. Bei fast jeder Nachricht gibt es ein Kuss-Emoji, Herzchen, Sternchen, usw. Und eine Konversation ob per Whatsapp oder sogar am Telefon wird immer mit einem „Beijo“ beendet. Man wird sozusagen überschüttet mit Liebe!
 Das ist sehr warmherzig und tut sehr gut. Einziger Kritikpunkt hierbei: Die vielen Komplimente und die wenige Kritik lassen Brasilianer oberflächlich und unfähig wirken, zu differenzieren und zu hinterfragen, was gut und was schlecht ist. Man fragt sich deshalb oft, ob sie einem gegenüber ehrlich sind. 
Aber wenn man mit sich selbst zufrieden ist, sollte man sich nicht soviel Gedanken über die Gedanken der anderen machen. Die machen das ja auch nicht.

Es ist möglich aber eher selten, dass man eine bedeutende Geste bei Brasilianern findet, und dass man wiederum einen Brasilianer findet, der sensibel genug ist, um Deine Gesten zu verstehen. Anders als bei uns Deutschen. Was „wir“ Deutschen sagen und machen, das ist meist direkt. Das meinen wir auch so. Das hat immer (oder meistens zumindest) eine Bedeutung. Nur die dabei fehlende Lockerheit kann anderen mühsam erscheinen. Sollte man aber dann mal eine(n) Deutsche(n) als Freund für sich gewonnen haben, wenn man es mal geschafft hat, Nähe mit demjenigen aufzubauen, dann hat man jemanden gefunden, auf den man sich verlassen kann. Ja, dann hat man einen wahren Schatz gefunden.
Das gilt wahrscheinlich umgekehrt für die Brasilianer. Ist man mal lockerer geworden, gehörst DU dazu und bist immer dabei, wo auch immer sie sind.

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