Produktiver durch mehr Freizeit

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(Lesedauer: ca. 5 Min)
“Die besten Ideen kommen einem, wenn man frei hat.”, Daniel Kofler, CEO und Gründer von “Bike Citizens”.
Und ich füge hinzu: “Noch bessere Ideen kommen, wenn man frei hat und an einem beflügelnden Ort ist…”

Der 9-to-5-job ist heutzutage sowas von 2001. Eigentlich. Denn selbst im Jahr 2016 und in den vermeintlich modernsten Unternehmen werden innovative und erprobte Lösungen zur Gestaltung der Arbeitszeit und des Arbeitsplatzes einfach nicht umgesetzt. Als ob man uns nicht zumuten würde, selbstverantwortlich und pflichtbewusst arbeiten zu können… Es gibt wirklich noch sehr viele, denen das Vertrauen in ein unkonventionelles System und somit in die Mitarbeiter fehlt.
Zum Glück gibt es ein paar Firmen, die dafür offener sind. Dafür, nicht nur auf das Pflichtbewusstsein der Mitarbeiter zu zählen, sondern auch dem Neuen eine Chance zu geben und daran zu glauben, dass diese Theorien wirklich motivierend und produktiv sind.

So eine Stimmung der Experimentierfreudigkeit, im Glauben mit dem neuen und flexibleren Arbeitsmodell ein Erfolgskonzept für eine ideale work-life-balance geschaffen zu haben, schien im Jahr 2014 zu herrschen. Dann gab es nämlich eine Welle an Innovationen zur Arbeitsplatzpolitik für Mitarbeiter. Beispielsweise wurden in ein paar wenigen Firmen 4-Tages-Wochen eingeführt. Oder Server werden seitdem täglich ab 19 Uhr abgestellt, so dass keine Emails mehr nach 19 Uhr geschrieben werden und somit auch kein Mehr-Aufwand anfällt. Der Arbeitgeber generierte dadurch in kleinen Schritten mehr Freizeit für den Mitarbeiter.

Es geht noch einen Schritt weiter. Der Angestellte darf selbst bestimmen, wann und wieviel Urlaub er im Jahr nimmt. Es gibt keine einschränkende Anzahl mehr von 24 – 30 Urlaubstagen. Keine Urlaubsanträge für die Genehmigung des Chefs. Keine Absprache mit missgönnenden Kollegen im Team. Es darf sich selbst die Zeit aussuchen, wie und wann er will, ganz nach seinem Ermessen, wie er seine Aufgaben erledigt. Auf diese Weise wird man schon mal ein Stück Fremdbestimmung los.

Es geht noch krasser, für noch mehr Selbstbestimmung. Der Mitarbeiter selbst entscheidet, zu welchen Uhrzeiten er täglich arbeitet. Wenn Du nachts produktiver bist, kannst Du auf diese Weise Deine Nachmittage ganz nach Deiner Lust & Laune gestalten. Wenn Du lieber morgens Deine lebens-organistorischen Dinge erledigst, gehst Du erst Nachmittags ins Büro. Oder Du arbeitest einfach ganz Zuhause und gehst nur zur Arbeit, wenn es nötig ist.

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Einfach mal den Sonnenaufgang oder -untergang genießen, ohne daran zu denken, wie man das am besten im Zeiterfassungssystem ausgleicht, das wird endlich möglich.

Solange Dein Job dabei termingerecht und inhaltlich akkurat fertig wird, ist das egal. Genau so soll es doch auch sein. Bitte Fokus legen auf das Wesentliche. Job done?

So arbeitet man bei Netflix. Dort zählt man scheinbar vollstens auf den gesunden Menschenverstand. “Responsible People Thrive on Freedom, and are Worthy of Freedom” ist eines ihrer Powerpoint-Bibel-Charts über ihre Unternehmenskultur.

Ab Chart 65 wird’s richtig interessant. Denn dann, wenn es um die persönliche Gestaltung seiner Zeit geht, geht einem bei Netflix’s “Vacation Policy” das Herz auf.

Da wird getrackt, was Du kreierst, nicht wieviele Stunden Du abackerst.

Ein paar Start Ups haben das gleich nachgeahmt. “ZenPayroll” findet z.B., dass ihre flexible Urlaubspolitik dazu führt, eine “Besitzer”-Mentalität (übersetzt aus “ownership mentality”) zu bilden. Denkt ein Mitarbeiter wie ein “Besitzer” über sein Projekt, geht er automatisch mit seiner Arbeit und seinen Aufgaben verantwortungsvoll um. Ihr commitment gegenüber der Firma wird wiederum durch das Vertrauen, das ihnen in der freien aber pflichtbewussten Gestaltung ihrer Arbeitszeit entgegen gebracht wird, umso mehr gestärkt. ZenPayroll’s CEO und co-Gründer Joshua Reeves gibt hier Tipps, wie man am besten mit diesen Vorteilen umgeht, um eine Art von Missbrauch zu vermeiden.

Seit Ende 2014 testet Virgin-Chef Robert Branson das Konzept ganz nach dem Netflix Beispiel. Allerdings werden die meisten seiner Mitarbeiter als Versuchskaninchen davon erst einmal ausgelassen. Wenn sich die Abschaffung des Urlaubsantrags bei seinen 170 Angestellten in USA und UK bewährt, weitet er die Abschaffung der Urlaubskontrolle auf alle seine Mitarbeiter aus.

Bisher ist nur dieser ältere Artikel von 2014 über Bransons Test auffindbar: http://www.spiegel.de/karriere/ausland/richard-branson-bei-virgin-kann-jeder-urlaub-nehmen-wann-er-will-a-993926.html

Auch Microsoft löst seine starren Strukturen im Jahr 2014. “Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus, sondern liefert häufig sogar ein falsches Bild“, sagt Microsoft-Personalchefin Elke Frank. Im Artikel im stern gibt es jede Menge O-Töne von HR-Experten und Referenzbeispiele.
Pros und Cons gibt es zu dieser Idee überall. Aber sind die Cons nicht wirklich harmlos und verkraftbar für den äußerst attraktiven Benefit der Selbstbestimmung in Bezug auf seine Zeit und seinen Arbeitsstil?

Ein Update zu Virgins und Microsofts Versuch wäre für das aktuell begonnene 2016 natürlich interessant. Die Diskussion darüber und die Wahrnehmung davon ist hoffentlich nicht eingeschlafen. Damals sagten Gegenstimmen nämlich, dass das Konzept so “frei” gar nicht sei. Die Mitarbeiter würden demnach gar keinen Urlaub mehr machen.

Bei Netflix scheint diese Philosophie jedenfalls trotz der Kündigung der Erfinderin noch weiter zu gelebt zu werden. Sollte das gut funktionieren, wäre das ein in Erfüllung gegangener Traum… Nur müssen wir wahrscheinlich unsere Arbeitgeber immer wieder mal dafür wach rütteln.

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